Leserbrief zum Artikel "Klima-Experte: Mittelsachsen drohen vermehrt Wolkenbrüche" in der Freien Presse

Mittwoch, 5. Juli 2017

Dr. Matthias Wagner kandidiert bei der kommenden Bundestagswahl für Mittelsachsen (Wahlkreis 161). Er ist Delegierter der LAG Energie (Sachsen) zur BAG Energie und Klimaschutz.

Matthias Wagner, Direktkandidat für B90/DIE GRÜNEN in Mittelsachsen kommentierte den Artikel "Klima-Experte: Mittelsachsen drohen vermehrt Wolkenbrüche" vom 03.07.2017 mit dem nachfolgenden Leserbrief.


Klimawandel klingt immer so abstrakt. Leicht kommt der Gedanke auf, dass es doch manchmal ganz schön wäre, wenn es ein paar Grad wärmer wäre. Aber das ist leider nicht der springende Punkt, wie im FP-Artikel vom 3.7. sehr eindringlich dargestellt wurde. Der menschengemachte Treibhauseffekt bewirkt eben, wie von Wissenschaftlern schon seit längerem vorhergesagt, eine Zunahme von Extremereignissen wie Starkregen auf der einen Seite und Dürreperioden auf der anderen Seite.

Insoweit kann ich dem Artikel nur zustimmen. Leider gilt dies nicht für den darunter stehenden Kommentar. Hier wird suggeriert, man könne fast nichts tun, um die globale Erwärmung aufzuhalten, und schon gar nicht bei uns vor Ort. Des weiteren wird behauptet, Sonnen- und Windenergie seien nicht ausgereift. Dem widersprechen folgende Fakten:

  • Eine kWh Strom aus einer neu errichteten Photovoltaik-Anlage kostet heute nur noch 5-7 €Cent, wenn die Anlage in Deutschland errichtet wird. In anderen Weltgegenden ist man schon bei 2-3 €Cent. Das ist viel günstiger als jedes neue Kohlekraftwerk (von der absurd teuren Atomenergie ganz zu schweigen). Die Zahlen für die Windenergie sind ähnlich.
  • Tatsächlich haben wir in Deutschland an guten Wind- und Solartagen Stromüberschüsse im Netz. Das liegt aber daran, dass die Braunkohle- und Atomkraftwerke so schlecht regelbar sind. Die ideale Ergänzung zu den Erneuerbaren wären flexible Gaskraftwerke, die es in ausreichender Zahl gibt.
  • Die Preise für Batteriespeicher fallen schnell. In wenigen Jahren wird es für Eigenheimbesitzer günstiger sein, Strom aus einer Photovoltaikanlage gekoppelt mit dem eigenen Speicher zu nutzen als ihn vom Netzbetreiber zu beziehen.
  • Für die mittelfristige Zukunft bietet es sich an, in Überschuss-Zeiten Strom in Gas (synthetisches Methan oder Wasserstoff) umzuwandeln und auf die Art zu speichern.

Richtig ist, dass auch der Energieverbrauch gesenkt werden sollte, um eine zukünftige 100%ig erneuerbare Energieversorgung zu erleichtern. Und hier können wir alle direkt vor Ort viel mehr tun, als Fahrrad zu fahren oder Fahrgemeinschaften zu bilden. Hier ein paar Beispiele:

  • Anschaffung kleinerer, sparsamer Autos; in Zukunft Umstieg auf Elektroautos. Wenn gelegentlich ein großes Auto benötigt wird, z.B. um einen Großeinkauf beim Baumarkt zu transportieren, kann dieses Auto problemlos für einen Tag gemietet werden. Weil kleine Autos Fixkosten sparen, ist dieses Modell insgesamt viel günstiger.
  • Ich selbst habe keinen privaten PKW mehr. Wenn ich einen brauche, nutze ich das gute Carsharing Angebot in Freiberg. 
  • Ganz wichtig ist ein geringerer Wärmeverbrauch. Den erreicht man am besten mit einer energetischen Sanierung. Aber auch in bestehenden Wohnungen kann man durch sinnvolles Heiz- und Lüftverhalten viel Energie einsparen. Energieberatungsstellen geben wertvolle Tips dafür.
  • Wer ein eigenes Haus besitzt, kann sich eine Photovoltaikanlage installieren, eventuell gekoppelt mit einer Wärmepumpe und/oder einem Batteriespeicher. PV-Anlagen sind heute sehr kostengünstig, siehe oben.
  • Fährt man nach Dresden oder Chemnitz zum Einkaufen, ist man mit der Bahn schneller und bequemer in der Innenstadt als nach quälender Parkplatzsuche. Das gilt natürlich nur für diejenigen, die in einem Ort mit Bahnanschluss leben.

Der letzte Punkt macht deutlich, dass man zwar Vieles selbst machen kann, für vieles Andere aber sinnvolle politische Entscheidungen getroffen werden müssen. Hier kann der Landkreis eine Menge tun:

  • Am wichtigsten ist ein funktionierender Öffentlicher Personen-Nahverkehr (ÖPNV). Mit den heutigen digitalen Möglichkeiten (Smartphone-Apps etc.) lässt sich der ganz anders organisieren und mit anderen Verkehrsträgern vernetzen (Anruf-Sammeltaxis, Carsharing, mietbare Fahrräder oder sogar E-Bikes, …).
  • Der Landkreis kann ein einfach zu nutzendes Solar-Kataster erstellen, so dass alle Hausbesitzer erkennen können, ob ihr Hausdach für Photovoltaik geeignet ist.
  • Die Windenergie muss dort gefördert werden, wo Standorte unter Beachtung des Naturschutzes und der Anliegen der Anwohner geeignet sind. Diese Belange werden im Planungsverfahren geprüft und berücksichtigt.

Die Liste ließe sich noch weit fortführen. Wir GRÜNE finden uns nicht damit ab, dass der Klimawandel unsere Lebensgrundlagen gefährdet. Deshalb unterstützen wir lokal, regional und landesweit alle Anstrengungen, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren. Wir laden alle Mitbürgerinnen und Mitbürger ein, dabei mitzumachen.